Die Diskussion über digitale Vermögenswerte hat sich weiterentwickelt. Wo früher Bitcoin jede institutionelle Debatte dominierte, zeigt sich heute ein differenzierteres Bild: Verschiedene Blockchains beanspruchen Führungsrollen in spezialisierten Vertikalen und treiben jeweils eigene Segmente der neuen digitalen Ökonomie an. Für Berater ist es wichtiger, diese Differenzierung zu verstehen, als die jüngsten Kursbewegungen zu verfolgen.
Der strukturelle Wandel ist bereits in den Daten sichtbar. Laut dem CoinShares Outlook 2026 ist das „Winner-takes-all“-Szenario für Blockchains zunehmend überholt. Ethereum hat seine Rolle als institutionelle Infrastruktur gefestigt – als Settlement-Layer für tokenisierte Vermögenswerte, DeFi-Protokolle und Enterprise-Anwendungen. Solana hingegen hat die Consumer-Payments-Schicht erobert: Das Stablecoin-Angebot auf dem Netzwerk stieg 2025 von 1,8 Mrd. auf 12 Mrd. US-Dollar – ein Zuwachs von 567 %.
Unterschiedliche Netzwerke, unterschiedliche Zwecke
Diese vertikale Spezialisierung spiegelt grundlegende Designunterschiede wider. Ethereum priorisiert Sicherheit und Dezentralisierung und ist damit die bevorzugte Wahl für Anwendungen, bei denen Vertrauen und Beständigkeit entscheidend sind. Das Ökosystem verwahrt rund 12 Mrd. US-Dollar an tokenisierten Real-World-Assets und bleibt das führende Netzwerk für institutionelles DeFi. Layer-2-Lösungen wie Arbitrum und Optimism übernehmen die Skalierung, indem sie Transaktionen off-chain verarbeiten und anschließend auf Ethereums sicherer Basisschicht finalisieren.
Solana verfolgt einen anderen Ansatz: parallele Transaktionsverarbeitung und Finalität in unter einer Sekunde – optimiert für Geschwindigkeit statt maximale Dezentralisierung. Das Ergebnis ist ein Netzwerk, das sich besonders gut für Consumer-Anwendungen mit hohem Transaktionsvolumen eignet. Der Stablecoin PYUSD von PayPal läuft inzwischen primär auf Solana. Visa, Shopify, Stripe und Western Union haben Solana in ihre Zahlungsinfrastruktur integriert. In den zwölf Monaten bis September 2025 generierte das Netzwerk 2,85 Mrd. US-Dollar an Ökosystem-Umsätzen.
Neben den beiden größten Netzwerken erfüllen weitere Blockchains spezifische Funktionen. Die Subnet-Architektur von Avalanche ermöglicht maßgeschneiderte Compliance-Umgebungen – das Dubai Land Department stellt beispielsweise Eigentumszertifikate auf einem Avalanche-Subnet aus. BNB Chain unterstützt High-Throughput-Trading und Anwendungen in Schwellenländern. Chainlink liefert die Oracle-Infrastruktur, die Blockchain-Netzwerke mit realen Daten verbindet – von Preisfeeds bis hin zu Cross-Chain-Interoperabilität.
Diversifikation ist entscheidend
Die institutionelle Reaktion war Diversifikation. 2025 gingen die Bitcoin-spezifischen Zuflüsse im Jahresvergleich um 35 % zurück, während Kapital in Produkte auf Ethereum, Solana und XRP rotierte. Strukturierte Produkte mit Fokus auf Solana verzeichneten Nettozuflüsse von 3,42 Mrd. US-Dollar und etablierten SOL als drittgrößten digitalen Vermögenswert nach verwaltetem Vermögen. Das „Bitcoin-only“-Playbook weicht einem differenzierteren Markt, in dem mehrere Assets klar unterschiedliche Portfoliofunktionen übernehmen.
Für Berater entstehen daraus Chancen und Komplexität zugleich. Die Chance liegt darin, Kundenziele mit Netzwerkeigenschaften abzugleichen. Wer institutionelles Exposure zu DeFi sucht, könnte Ethereum bevorzugen. Wer sich für Zahlungsinfrastruktur oder Consumer-Kryptoanwendungen interessiert, findet Solana möglicherweise relevanter. Portfoliokonstruktion bedeutet zunehmend zu verstehen, welche Blockchain welchen Anwendungsfall antreibt.
Die Komplexität liegt in der Bewertung. Anders als bei Bitcoin, dessen Investmentthese auf monetären Eigenschaften basiert, erfordern Altcoins eine Analyse von Netzwerkaktivität, Entwicklerökosystemen und Wettbewerbspositionierung. Kennzahlen wie Total Value Locked, Transaktionsvolumen und Protokollumsätze geben Aufschluss darüber, ob ein Netzwerk tatsächlich genutzt wird oder ob es sich primär um spekulatives Interesse handelt.
Der regulierte Zugang hat sich entsprechend erweitert. Europäische ETPs bieten inzwischen Exposure zu Ethereum, Solana, XRP sowie zu diversifizierten Körben. Mit der Reifung des Marktes ermöglichen diese Produkte Beratern, über vertraute Investmentvehikel Zugang zur Infrastrukturschicht der Blockchain-Ökonomie zu erhalten.
Bei der neuen Blockchain-Ökonomie geht es nicht darum, den nächsten Bitcoin zu finden, sondern die Infrastrukturebene der digitalen Finanzwelt zu verstehen und Portfolios darauf aufzubauen.
